Zwischen der Frucht der Vernunft und der Süße der Versuchung

Wir haben es gern schön ordentlich „geordnet“. Die Welt schreit nach konkreten Dingen, nach Greifbarem was wir akkurat „einsortieren“ können, Schublade für Schublade. Wir schrecken zurück, wenn unser Bauchgefühl kein eindeutiges Bild der Lage generiert, wenn Zwischenmenschliches an Tiefe gewinnt zum Beispiel und wir den Grund nicht mehr erkennen können. Oder wenn wir eine Entscheidung treffen müssen aber uns schlicht und ergreifend die Erfahrung fehlt. Wenn wir einen Kopfsprung in unbekannte Gewässer wagen sollen – dann setzt unser Verstand ein und zeichnet große Fragezeichen an unsere innere Schiefertafel. Dabei ist das Leben per se eine unsichere Angelegenheit. Obwohl ich ja nicht auf Religionen oder Glauben ausgerichtet bin, beschäftige ich mich dennoch viel über Lebensweisen im Allgemeinen. In einem Buch über Buddhismus las ich irgendwann mal folgendes:

„Angst ist immer die Angst vor dem Unbekannten. Angst bedeutet immer die Angst verlorenzugehen, aber wenn du wirklich lebendig sein willst, musst du akzeptieren, dass du verloren gehen kannst. Du musst die Unsicherheit des Unbekannten akzeptieren. Das Unbehagen und die Unbequemlichkeit des Ungewohnten, des Fremden.“

Der Text widmet sich einer Sache, die wir nicht mögen. Die uns aber befreien kann. Es ist eine Ode an die „Unsicherheit“. An die Vieldeutigkeit, die für mich mittlerweile näher dran ist als die Essenz des Lebens und unseres „Seins“. Näher als alle vermeintlichen Vorhersehbarkeiten zusammen. Sicherlich hat auch meine bevorstehende Scheidung und die Verarbeitung dessen dazu beigetragen wieder auf mich selbst „fokussiert „zu sein. Mir aufgezeigt, dass pure Sicherheit trügerisch ist und deutlich erkennbar gemacht, dass Dinge nicht vorhersehbar sind. Aber dadurch bin ich wieder offen für andere Menschen, tolerierbarer, irgendwie „Open-minded“ und setze mich mit anderen Lebensweisen, Ansichten und Konzepten auseinander. Grade wenn es mir fremd ist und ich bisher andere Vorstellungen hatte, versuche ich meinen Unsicherheiten nachzugehen. Mit ner ordentlichen Portion Angst. Aber auch mit ner ordentlichen Portion Mut.

Alles begann mit einer unverfänglichen Anmeldung auf einem Single Portal. Eigentlich habe ich ja erstmal genug von Beziehungen aber ich dachte halt, nun ja… zusammen ist man halt eventuell weniger allein und ein bisschen nette Gesellschaft hat ja noch niemandem geschadet.
Also schmiß ich alles um und drückte auf „rewind“.
Ich dachte mir, mittlerweile tut mir alles gar nicht mehr so weh, fühle mich irgendwie freier, also so what.

Ausserdem finde ich es mittlerweile verdammt okay, auch mal in Sackgassen zu landen. Festzustellen, dass das, was ich so dringend wollte, sich doch nicht als das entpuppt, was mich dauerhaft zum Leuchten bringt und neu zu starten. Das gilt für alle Situationen, in denen ich eindeutig merke, was ich will und was nicht. Erst recht nach meiner Ehe, wo ich mich irgendwie selbst verloren hatte und nur das tat, was für den anderen Part gut sein könnte aber irgendwie nicht für mich gut war und im Endeffekt nichts halbes und nichts ganzes bei rum kam. (Merke: Kompromisse sind nicht immer gut, wenn beide sich ständig zurück nehmen müssen und im Ergebnis keiner das bekommt was man braucht!). Wir landeten beide in einer jeweilig anderen Sackgasse.

Aber die Herausforderungen im Leben, die nicht in meiner Hand liegen, bei denen ich nicht selbst auf den Buzzer drücken und entscheiden kann, ja, in denen es vielleicht nicht einmal ein eindeutiges richtig oder falsch gibt – that’s the real shit! Und diesem Gefühl begegnete ich einer Frau Namens Teresa. Eine Frau eingeklemmt zwischen Geschäftsterminen, verheiratet, Mutter einer kleinen Tochter, bisexuell und in einer offenen Ehe lebend. Was nicht hieß, dass sie mit jedem ins Bett stieg, der einigermaßen tageslichttauglich war. Nein nein. Das wäre ja viel zu einfach. Nein, sie lebte oder suchte Menschen, die offen waren, für Polyamorie. Also verbindliche „Beziehungen“ zu mehreren Partnern. Kann alles, muss aber nicht. Das war mir ja völlig fremd. Aber ich war neugierig auf den Menschen und auf das wieso, weshalb, warum. Im Prinzip ging es um nichts anderes, als viele zu „Lieben“ oder lieben zu können bzw. mit mehreren Menschen zusammen zu sein, sich näher zu kommen ohne die bestehende Beziehung in Frage zu stellen. Das heißt nicht – und das möchte ich an dieser Stelle betonen – dass alle übereinander herfallen oder promiskuitiv leben. Es bedeutet jedoch menschliche Verbindungen einzugehen ohne Besitzansprüche zu stellen. Es bedeutet Liebe in einer Form zu erweitern und nicht darum primär sexuelle Bedürfnisse zu stillen. Das ist eher zweitrangig.

Klingt das ein bißchen crazy? Irgendwie schon.
Und dennoch beschäftigte ich mich mit diesem Konzept. Mit dieser Lebensweise. Ich hatte ja eh nichts zu verlieren. Ich war allein, brauchte ebenso geistige, seelische und körperliche Nähe und dachte, wenn wir nicht ab und zu etwas Einsatz auf den Tisch der Möglichkeiten schmeißen, was bekommen wir dann?

Also schrieben wir uns über einen Monat hin und her gefolgt von ein paar Telefongesprächen. Und was soll ich sagen? Diese Frau begeisterte mich in Ihrer Art. Gar nicht so wegen ihrer Lebensweise sondern weil sie mich rhetorisch gegen die Wand geredet hatte. Weil sie redete wie ein sprudeliger Wasserfall…aber das was sie sagte, machte tatsächlich auch Sinn. Es war kein dummes Flirtgerede, es war viel komplexer, offener, freier. Und ihre Eloquenz und Intelligenz hatte etwas einschüchterndes. Das machte es natürlich nicht besser. Oh nein.
Ich wusste auch nicht, ob mein Vorhaben von Erfolg gekrönt sein würde, mich auf sie und ihre Lebensweise einzustellen. Aber ich dachte, Mensch, was soll denn das ganze Gehabe, dieses sich selbst im Wege stehen, sich Möglichkeiten verbieten nur weil die Gesellschaft alles tabuisiert.

Ich musste zumindest diese Möglichkeit -“alles-auf-Anfang” Tür und Tor geöffnet halten- eingehen. Für mich ein echtes Novum! Wie oft hatte ich in der Vergangenheit prophylaktisch als gescheitert zementiert, was mir unwahrscheinlich erschien! Mir waren die Sicherheit und mein gewohntes Übel lieber als den Zustand in der flackernden Zone zwischen Licht und Dunkelheit auszuhalten. Die Stroboskopblitze der Ungewissheit waren mir immer zu heikel, zu riskant. Lieber war ich sicher enttäuscht als unsicher hoffend.

Wie viele Bewerbungen ich nicht abgeschickt, wieviele Ideen nicht verfolgt, wieviele Veranstaltungen ich nicht besucht habe! Zu gefährlich erschien mir dieser Zustand des Nicht-Wissens, in dem sich vage ein neues Leben ankündigt, durch eine Tür, die nur eine handbreit geöffnet ist. Würde das Schicksal sie mit einem heftigen Ruck wieder schließen und mir auf die Fingerkuppen hauen? Derlei Nervenkitzel habe ich nie geschätzt, ich hatte seit jeher eine Abneigung gegen Geisterbahnen und Gruselfilme. Beim großen Unbekanntem habe ich höchst professionell und unbemerkt geschummelt um nicht meine „Wohlfühlzone“ zu verlassen.
Man kann es also getrost als kleinen Akt der Revolution betrachten, dass ich dieser Frau überhaupt „eine Chance“ gegeben habe.
Meine Angst überwand die mahnenden Einwände meines eigenem Ichs und ich traf mich mit ihr.

Und dann? Die Überwindung meiner vorsichtigen Gewohnheiten bescherte mir ein unerwartetes Geschenk: Es fühlte sich zunächst großartig an. Zu wissen, dass ich dem Schicksal entgegen eilte, es einlud, ihm ein Latte Macchiato mit doppeltem Shot und 2 Süßstoff einschenkte und alles andere NICHT in meinen Händen lag – es war ungeheuer befreiend! Und diese Frau war unglaublich schön in all ihrer Kompliziertheit. Facettenreich, zaghaft und zugleich bestimmend. Eine wundervolle Kombination. Ich konnte absolut nachvollziehen, dass diese Frau natürlich vergeben war. Und wieso in aller Welt, sollte ich ihr diese Partnerschaft, in der sie seit 13 Jahren steckt auch streitig machen? Diese Verbundenheit, die diese zwei Menschen füreinander haben müssen, muss sich immens frei und grossartig anfühlen. Grade weil man bei dieser Lebensweise ein unfassbares Vertrauen zum anderem Partner haben muss. Indem man den anderen Part genau so sein lässt wie er ist, ohne jegliche Einschränkungen. Man schenkt dem anderem das grösste was es gibt. Und das ist Freiheit! Die Freiheit sich zu entfalten, sich zu entwickeln indem man über den Tellerrand hinaus schaut. Meines Erachtens muss man dafür eine gewisse geistige Reife besitzen um seine eigenen Instabilitäten wie Eifersucht, Unsicherheit und Angst überwinden zu können. Aber mit welchem Recht, sollte ich ihr diese Verbindung, diese Liebe auch nur annähernd verbieten, unterbinden oder mich dort einmischen?! Wäre das nicht egoistisch?!

Ich wollte ihr zwar nah sein und diese Nähe in vollen Zügen genießen aber wichtiger war in dem Moment nur eins; dass es ihr gut geht! Und dass es mir gut geht.
Ich fühlte mich so, als würde ich bald ein neues Leben beginnen, nicht wissend, was das für mich eventuell bedeuten würde – vielleicht bedeutete es aber auch absolut nichts.

Also stand sie da, der Kopfmensch schlechthin gegenüber dem Gefühlsmensch. Vernunft im Kapuzenpulli und langen blonden Haaren gegen Gefühl in engen Jeans und Hemd. Mochten die Sterne darüber entscheiden oder das Universum oder irgendein kleiner, feiner Wink des Schicksals.

Denn seit wann ist Berechenbarkeit, die kleine Schwester der vermeintlichen Sicherheit, eigentlich ein so großes Gut? Wann haben wir aufgehört, den Fluss des Lebens zuzulassen und begonnen, überall Haltegriffe einzubauen? Zum Glück gibt es Menschen, die darauf immer schon gepfiffen haben. Und zur Zeit begegnen sie mir quasi am Laufband in den Büchern, die ihren Weg zu mir finden – ich glaube, einfach, weil mein Kanal für diese Botschaft endlich wieder offen ist.

Und plötzlich fiel mir letztens wieder, nach 10 Jahren, die von mir hoch verehrte Virginia Woolf ein. Die “Entfesselungskünstlerin”, des Schubladendenkens und festen Identitäten. Die darauf verzichtete, den Raum des Unbegreifbarem auszuloten und die Ungewissheit auszuhalten, ja sogar regelrecht feiern zu können. Die Orientierung zu verlieren – nicht im konkreten sondern im übertragenen Sinne: offen für das Unbekannte zu sein. Darauf zu beharren, das “Vielfalt, Nichtreduzierbarkeit und womöglich auf Geheimnis, wenn Geheimnis die Fähigkeit bedeutet, im Zustand des Werdens zu verharren, über Bestehendes hinauszugehen, nicht eingrenzbar zu sein, mehr zu enthalten.”

Es bringt mich zum Nachdenken. Wie festgelegt sind unsere Vorstellungen von der Welt und von uns selbst? Wie gut können wir etwas „aushalten“, wenn etwas nicht eindeutig ist?

Dass das Leben sich nicht in die Karten schauen lässt, das ist die eine Seite. Aber wie wir, auch als Gesellschaft damit umgehen, das ist die andere. Wäre es nicht großartig, wenn wir uns gegenseitig für unsere Unsicherheiten, für die Fähigkeit, sie überhaupt zuzulassen, loben könnten? Wenn Unentschiedenheit und Mehrdeutigkeit echte Werte wären, die neben Zuverlässigkeit oder Teamfähigkeit ebenbürtig ihren Platz einnehmen? Und wenn die geschlagenen Haken im Lebenslauf als Ausdruck eines freien Geistes gelten würden und nicht als negative Wankelmütigkeit?

Ich fand diese Frau toll als wir bereits ganz locker am Fuße der Kaisertreppe saßen mit Blick auf die Förde und gemeinsam eine Zigarette rauchten. Sie war ein Geschenk, zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Sie brachte mich dazu, mich selbst zu hinterfragen. Manchmal hatte ich dennoch den Eindruck, dass sie sich trotz ihrer Liebe zur Freiheit selbst im Wege stand und sich zu intensiv damit beschäftigte, wie und was andere genau denken könnten. Ich hatte auch den Eindruck, dass sie zu sehr an das „Stolpern“ gedacht hatte als die Zugänglichkeit von Freiheit. Sich Gedanken „zer-redete und zer-dachte“ um sich dann zu verlieren auf dem Weg zum Ziel. Mit dem Ergebnis, dass die Dinge eventuell doch nicht so sind, wie sie erschienen und ihre Unsicherheiten sich für mich anfühlten wie eine Drehtür, wo man sich dreht und dreht und weder Eingang noch Ausgang fand. Der Mensch neigt nunmal dazu aus der Irritation der Vielfalt die Unsicherheiten liegen zu lassen um sich in die Sicherheiten der Einfalt zu flüchten. Das tückische ist halt eben immer die Angst, die dann einsetzt.

Ich habe gelernt, dass für unseren, nach Eindeutigkeit lechzendem Verstand, es ein Affront ist ihn zu lehren, den Zustand von Unsicherheit auszuhalten. Und dass es unglaublich erleichternd sein kann dem Leben eine neue Süße zu verleihen. Zumindest so lange es unkompliziert bleibt.

Und da mir oder anderen Menschen manchmal viele Dinge unsicher erscheinen, so schätze ich umso mehr den Mut, Unsicherheiten auch zu zeigen. Sie auszusprechen. Es erfordert letztendlich viel mehr Mut, seine eigenen Unsicherheiten zu zeigen als sie zu verbergen. Es erfordert mehr Stärke, sich auf Menschen einzulassen als sie zu beherrschen. Und nach wohldurchdachten Prinzipien zu leben statt automatisch zu reagieren.

Der wirklich starke Mensch zeigt sich nunmal im seelischen und mentalen Bereich und nicht im Muskelspiel oder in unreifem Denken und erst recht nicht an der Anzahl von Insta-Followern. Deshalb kann ich Teresa für diese kurze Begegnung nur danken.
Und auch, wenn ich nun eindeutig feststellen muss, dass ich aus persönlichen Gründen dann doch nicht für das ein oder andere Konzept geschaffen bin, so habe ich dennoch etwas neues für mich kennenlernen dürfen um – am Ende des Tages – am meisten über mich selbst etwas zu erfahren.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s